Mikroben für ein gesundes Leben

Mikroben für ein gesundes Leben

Es ist kaum zu glauben. Oder besser gesagt: Es ist kaum zu spüren. Aber in unserem Körper befinden sich nicht nur Organe, fließt nicht nur Blut und bewegt sich nicht nur unser Skelett. Das Ganze kommt erst so richtig in Schwung durch unsere vielen, kleinen Helfer – und zwar die Mikroorganismen. Etwa 100 Billionen tummeln sich in jedem einzelnen Menschen. Sie sind wie die Bewohner eines Ameisenhaufens, die im Wald herumlaufen, aufräumen und für ein gewisses, allgemeines Wohlbefinden in der Natur sorgen. Die Ameisen in unserem Körper sind so klein, dass man sie nur unter einem Mikroskop erkennen kann. Sie befinden sich vor allem an den Wänden des Darms und in dessen Inhalt.

Sie sorgen dafür, dass es uns und unserem Darm gut geht, kümmern sich um ein reibungsloses Zusammenspiel von Körper und Geist. Die Mikroben arbeiten unermüdlich und zuverlässig, versuchen das ökologische Gleichgewicht im Körper aufrechtzuerhalten. Eine schlechte und einseitige Ernährung, Stress und Arzneimittel wie Antibiotika können jedoch für Unruhe sorgen, die fleißigen Arbeiter stören, die nicht nur als Verdauungshelfer und Vitaminproduzenten tätig sind.

So stehen in den westlichen Ländern zu viel Fett und wenig Ballaststoffe auf dem Speiseplan. Darunter leidet die Vielfalt im Darm. Das schafft Raum für schädliche Bakterien, die unter anderem Substanzen wie Trimethylamin-N-Oxid (TMAO) produzieren. Laut Studien steigt dadurch das Infarktrisiko. Durch den Überschuss an Nährstoffen in unserer Nahrung kommt es außerdem zu Stoffwechselstörungen, die Fettzellen schwellen an und das Immunsystem muss auf Hochtouren laufen. Das kann Entzündungsreaktionen im und am ganzen Körper zur Folge haben – wie Pickel, Ausschläge oder Gelenkschmerzen. Auch das Risiko, an Diabetes zu erkranken steigt.

Für viele Ärzte und Wissenschaftler besteht kein Zweifel mehr daran, dass die Ernährung des Menschen eine elementare Rolle für sein Mikrobiom spielt – die Gesamtheit aller den Menschen besiedelnde Mikroorganismen. Dazu gehören die Bakterien in der Darmflora, die Mikroorganismen auf der Haut sowie in der Mundhöhle, den Schleimhäuten und Genitalorganen. Besonders die fleißigen Helfer der Darmflora sind dabei sehr aktiv und flexibel. Sie brauchen gerade mal einen Tag, um sich auf neue Ernährungsweisen einzustellen. So vermehren sich bei Vegetariern Bakterien, die Kohlenhydrate und Pflanzenfasern bevorzugen. Bei Fleischfressern arbeiten Mikroben, die mit tierischen Fetten und Proteinen umgehen können. Entsprechend leiten sie unterschiedliche Stoffe an den Menschen weiter, die sich positiv wie negativ auf sein Wohlbefinden auswirken können.

Der Verlauf der menschlichen Evolution mit Bezug auf seinen Speiseplan zeigt: Gemüse und Vollkornprodukte scheinen, den Körper und seine bakterielle Vielfalt und Balance zu fördern. Alles andere auch, allerdings nur wohl dosiert. Zucker und Weißmehl sollte man meiden, wie alle anderen Formen von hoch verarbeiteten Nahrungsmitteln. Menschen, die fermentierte Lebensmittel wie Kefir, Joghurt oder Sauerkraut essen und trinken, sind laut Studien im Durchschnitt gesünder, verfügen offensichtlich über eine stärkere Immunabwehr. Ob dafür die Mikroorganismen verantwortlich sind, ist noch nicht klar. Aber Ärzte und Wissenschaftler arbeiten daran.

Sicher ist jedoch, dass die Mikroorgansimen in unserem Körper für einigen Wirbel sorgen und aufräumen. In jedem Gramm Stuhl, befinden sich übrigens mehr Bakterien als Menschen auf der Erde. Doch das bremst unsere kleinen, fleißigen Helfer nicht im Geringsten. Sie vermehren sich unvermindert weiter und kümmern sich unermüdlich um das ökologische Gleichgewicht im menschlichen Körper…

Richard Friebe hat mit Hanno Charisius das Buch „Bund fürs Leben – Warum Bakterien unsere Freunde sind“ geschrieben, das im Hanser Verlag erschienen ist (319 Seiten, 19,90 Euro).